UPDATE – Chico wurde heute (16.04.2018) leider eingeschläfert.

Tödliche Bisse. Ein Angriff auf Menschen. Natürlich war es ein Kampfhund! Als Staffordshire-Mischling gehört Chico den sogenannten Listenhunden an und gilt somit als besonders gefährlich. Na bitte, stimmt doch? Leider gibt es in Deutschland immer noch rein finanzielle Methoden, um die Zucht und Haltung dieser Rassen einzudämmen. Aber wie ergeht es solchen Tieren, so lange Medien und Behörden frank und frei die Haltung jedes Hundes jedem ungeprüften Menschen überlassen?

Kampfhund nach Rasselisten – und die mögliche Zukunft für Chico

Laut Rasseliste kennzeichnet einen Kampfhund „seine rassebedingte Gefährlichkeit“. Leider geht diese gelistete Gefährlichkeit auf eine lange, ursprünglich tatsächlich zum Kampf missbrauchte Zuchtgeschichte zurück. Körperliche Merkmale solcher Listenhunde sind:

  • Eine besonders starke Muskelkraft (und somit auch Beißkraft)
  • Ein für Hundekämpfe vorteilhafter Körperbau und
  • ein unbedingter Gehorsam gegenüber dem menschlichen Besitzer.

Was nirgendwo zu lesen ist: Ausgerechnet die Listenhunde sind ausgesprochene Familienhunde. Natürlich setzt die Ausprägung dieser wunderbaren Eigenschaft eine rechtzeitige Erziehung und eine artgerechte Haltung voraus. Chicos Haltung vor dem Beißvorfall lässt nur vermuten, was diesem Tier widerfahren ist, inzwischen potenziell über Jahre hinweg. Zur rassebedingten Gefährlichkeit führte also die Haltung des Hundes sowohl ohne nötige Erfahrung mit Staff-Hunden (und -mischlingen) als auch der nicht tierschutzgerechte Umgang mit ihm. Zwar wird jetzt über seine mögliche Resozialisierung spekuliert. Petitionen möchten ihn retten. Es muss aber folgendes bedacht werden: Eine einmal überschrittene Grenze hat bei JEDEM Hund lebenslange Konsequenzen. Steter Stress in menschlicher Begleitung, gepaart mit der Angst vor dem eigenen, traumatisierenden Verhalten stehen ihm bevor. Auch der künftige Aufenthalt auf einem Gnadenhof kann diesen Stress mit seinen möglichen Konsequenzen (also weitere Beißverteidigung) nicht komplett abbauen.

So wird jeder Hund zum potenziellen “Kampfhund”

Das Gefüge im gesunden Hunderudel ist stets gleich. Es besteht ab Geburt aus dem Prinzip der Durchsetzung und Anpassung. Damit ähnelt es dem menschlichen Familienprinzip sehr stark. Menschen mit Hundeerfahrung bieten ihrem neuen Rudelmitglied klare Verhältnisse. Sie bewegen den Hund, haben selbst innerhalb der Familie eine feste Rangordnung und setzen diese hundgerecht durch. Leider darf in Deutschland jeder Mensch mit oder ohne Hundeerfahrung jeden Hund halten. Kampfhunde werden stark besteuert, in manchen Bundesländern die Besitzer streng nach ihren Führungsqualitäten kontrolliert. Doch die behördliche Einschätzung entspricht sehr häufig nicht der tatsächlichen Fähigkeit, einem Hund Sicherheit, ein entspanntes Miteinander und somit ein Leben ohne Beißpotenzial zu bieten. Solche Haltungsfehler machen selbst einen Yorkshire-Terrier zur unberechenbaren „Kampfmaschine“:

  • Zu wenig Bewegung (3 – 4 x täglich Gassi, davon mindestens 1 x eine Stunde)
  • Mangelnde Sozialisierung (über Welpenschulen und Hundeschulen auch in der Begegnung mit anderen Hunden erlernbar)
  • Falsche Ernährung (minderwertiges Futter, unsauberer Fressplatz oder unruhige Fressumgebung)
  • Körperliche Züchtigung statt artgerechter Erziehung (durch Eigeninitiative und Hundeschule)
  • Emotionale Vernachlässigung (Hunde brauchen den liebevollen Kontakt mit ihren Besitzern als Ersatz zum Umgang mit Artgenossen, selbst bei der Haltung als Wach- oder Diensthunde)

In den Listen nach der Gefährlichkeit von Kampfhunden und anderen Hunderassen ist nur vom „Potenzial der Gefährlichkeit“ die Rede. Tierschutzrechtlich würde es Hunden und Menschen künftig besser ergehen, wenn hier auch auf die Kompetenz der Besitzer eingegangen wird. Denn ob Dackel oder Staff-Mischling: Den Ranghöheren nicht beißen ist ein Hundekodex, selbst in frei lebenden Hunderudeln. Nur in äußerster Not kann diese Grenze jemals überschritten werden. Allen nun im Kreuzfeuer stehenden sogenannten Kampfhunden steht nun wie bereits vor einigen Jahren eine neue Für-und-Wider-Welle bevor. Bei ordentlicher Haltung haben sie die Chance, langfristig als das erkannt zu werden, was sie eigentlich sind: Kampfschmuser.

Fazit:

Chico hat die seit Jahrzehnten geführte Diskussion um Kampfhunde auf harte Weise neu entfacht. Er wird trotz seiner tausenden Befürworter kein künftig stressfreies Leben mehr führen. Unter ähnlichen Schicksalsumständen können allerdings alle Hunde aller Rassen zur „potenziellen Gefahr“ werden. Das einzig wirksame Gegenmittel sind verantwortungsvolle Besitzer, die ihrem Vierbeiner von Anfang an artgerechte Haltung und sinnvolle Erziehung bieten.

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